Herrmann von Reichenau: Ein gelähmter Gelehrter mit viel Kraft

 

 

 

 

 

Das Astrolabium, ein Navigationsgerät für die Seefahrt, haben die Araber erfunden. Herrmann von Reichenau beschrieb es so treffend, dass es auch die Eurpäer bald für ihre Entdeckungsfahrten nachbauten und einsetzen konnten. Quelle: © Juan Aunion

 

 

 

 

Hermann stammte aus einem schwäbischen Adelsgeschlecht. Seinen Beinamen von Reichenau erhielt er, weil er ab seinem 7. Lebensjahr im Kloster auf der Bodenseeinsel Reichenau lebte. Zu seiner Zeit war es noch üblich, Menschen nur mit ihrem Vornamen zu nennen. Feste Familiennamen kamen erst einige Jahrhunderte später in Gebrauch.
Aufgrund seiner Behinderung wurde er auch Hermann der Lahme genannt.

 

Was machen Wissenschaftler im Kloster?

 

Reichenau war ein wichtiges Zentrum der Gelehrsamkeit im Frühmittelalter. Damals wurde vor allem in Klöstern Wissen gesammelt, geforscht und gelehrt, Universitäten gab es noch nicht. Zu Hermanns Zeit war es üblich, dass die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten. Wer dies lernen wollte, musste eine Klosterschule besuchen.

Viele Klöster besaßen umfangreiche Bibliotheken in denen das damals bekannte Wissen gesammelt wurde. Mönche kopierten Bücher aus anderen Klöstern, indem sie diese abschrieben und häufig mit kostbaren Buchmalereien verzierten. Der Abt, also der Vorsteher des Reichenauer Klosters hieß Bern. Er versorgte Hermann mit Büchern und allem was er sonst für seine Forschungen brauchte, schließlich war dieser an einen Tragstuhl gefesselt und konnte sich nicht selbstständig bewegen.

 

Kirchengeschcihte, Astronomie und Mathematik

 

Beginnend mit Christi Geburt beschreibt Hermann in seiner Chronik die Taten der Kaiser und Päpste. Herrmann Weltchronik wird dadurch zu einer der wichtigsten Quellen für das 11. Jahrhundert aber auch für die Zeit zwischen den Jahren 500-700 über die sonst wenig bekannt ist. Ohne seine Schriften wüssten wir heute wesentlich weniger über das Mittelalter, das auch deshalb finster genannt wird, weil über die Geschehnisse dieser Zeit im Vergleich etwa zur Antike recht wenig überliefert ist.

Doch Hermann kannte sich nicht nur mit Politik und Kirchengeschichte gut aus. Er interessierte sich auch für Astronomie und Mathematik. Besonders wichtig war seine Konstruktionsanleitung eines astronomischen Geräts, des Astrolabiums. Mithilfe dieser Doppelscheibe konnte man feststellen, auf welchem Längen- und Breitengrad man sich gerade befand. Man maß damit nämlich die Winkel zwischen bestimmten Himmelskörpern und dem eigenen Standpunkt. Besonders für die Schifffahrt war das Astrolabium daher ein bedeutendes Hilfsmittel.

Wohlgemerkt: Hermann hatte das Astrolabium nicht selbst erdacht, aber er hatte eine derart gute Gebrauchs- und Bauanleitung verfasst, dass sich dieses bereits 1300 Jahre vorher erfundene Gerät endlich in Europa durchsetzte. Gut möglich wenn auch nicht bewiesen ist, dass Hermann es war, der die Einteilung der Stunde in Minuten einführte. Für astronomische Zwecke war das nötig.

 

Wozu dient der Abakus?

 

Eine der ältesten bekannten Rechenmaschinen ist der Abakus. Ein Gestell mit aufgereihten Perlen, mit deren Hilfe man addieren, subtrahieren aber auch multiplizieren und dividieren kann. Hermann beschrieb in einem seiner Bücher, wie die Multiplikation mit diesem Hilfsmittel funktioniert. Wieder erklärte er ein längst bekanntes Gerät so, dass seine Mitmenschen es besser nutzen konnten. Er machte Wissen der Mathematik, das bisher kaum verbreitet war bekannt.

 

Musik als mathematisches Rätsel

 

Auch Musik wurde im Mittelalter in erster Linie als eine Wissenschaft der Zahlen betrachtet. Sie stand auf einer Ebene mit Arithmetik, Geometrie und Astronomie und zählte zu den sieben freien Künsten und damit zu den angesehenen Zweigen der Wissenschaft. Zu Hermanns Zeit versuchten sich zahlreiche Gelehrte daran, eigene Tonsysteme zu entwickeln. Auch der Reichenauer entwickelte eine Notentheorie und komponierte etliche Musikstücke.