Warum feiern wir ein Bahnjahr?

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Warum feiern wir ein Bahnjahr?

Am 7. Dezember 1835 fuhr die erste deutsche Eisenbahn, der Adler zwischen den Städten Nürnberg und Fürth. 2010 feiert die Bahn deshalb in ganz Deutschland ein ganzes Jahr lang ihren 175. Geburtstag.

Mit einem vielfältigen Veranstaltungs- und Festprogramm erinnern die Städte Nürnberg und Fürth im Jahr 2010 an die 175-jährige Eisenbahngeschichte, in der sie eine besondere Rolle spielen.

Ausstellungen, Installationen, Führungen, Workshops und Aktionstage mit einem Gesamtetat in Höhe von 1,5 Millionen Euro werden sich mit den Themen Bahn, Mobilität und durch die Eisenbahn vorangetriebene Industrialisierung beschäftigen.

Die erste deutsche Eisenbahn

Der Adler war die Lokomotive zur ersten deutschen Eisenbahn. Er wurde von den britischen Eisenbahnpionieren George und Robert Stephenson konstruiert und 1835 in hundert Einzelteilen nach Nürnberg geliefert. Ab dem 7. Dezember 1835 fuhr der Adler auf der Ludwigsbahn zwischen Nürnberg und Fürth auf einer Länge von 7,45 Kilometern.

Lokomotivführer der ersten Eisenbahnfahrt in Deutschland war der Engländer William Wilson. Ursprünglich sollte er nur für einige Monate in Nürnberg bleiben, um einen Nachfolger anzulernen. Er blieb jedoch bis an sein Lebensende in Nürnberg, wo er auch begraben wurde. Der Adler fuhr mit einer Reisegeschwindigkeit von 35 km/h. In der Spitze hätte er 65 km/h Höchstgeschwindigkeit erreichen können.

Kein Ersatz für die Pferdekutsche

Einen Tag später begann der Linienverkehr: Ab 8. Dezember 1835 fuhr ein pferdebespannter Zug stündlich von Nürnberg nach Fürth und zurück. Nur zweimal am Tag - um 13 Uhr und 14 Uhr - zog der Adler diesen Zug. Die hohen Preise für die aus Sachsen einzuführende Steinkohle, anfangs noch per Fuhrwerk, verhinderten in den ersten Jahren einen häufigeren Einsatz der Lokomotive.

Nachbau zum Eisenbahnjubiläum


Die originale Adler-Lokomotive ist trotz ihrer historischen Bedeutung verloren gegangen. Nach 22 Jahren Dienstzeit wurde sie 1857 als technisch veraltet ausgemustert und ohne Räder zum Schrottpreis verkauft.

Zum 100-jährigen Jubiläum der Eisenbahn in Deutschland 1935 gab die Deutsche Reichsbahn im Ausbesserungswerk Kaiserslautern einen weitgehend originalgetreuen Nachbau in Auftrag.



Die nach alten Unterlagen angefertigte Lokomotive erreichte eine Durchschnitts-Geschwindigkeit von 33,7 km/h. Den Zweiten Weltkrieg überstand sie unbeschädigt. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ließ die Bahn in Kaiserslautern einen zweiten, nicht fahrfähigen Nachbau erstellen, der als Standmodell im DB-Museum Nürnberg besichtigt werden kann.


Zum 150-jährigen Bahn-Jubiläum 1985 wurde der fahrfähige Adler im Ausbesserungswerk in Offenburg rekonstruiert und nahm bis 2005 an zahlreichen Veranstaltungen im Bundesgebiet teil.

Im Lokschuppen verbrannt

Am 17. Oktober 2005 zerstörte ein Großfeuer im Depot des Nürnberger Verkehrsmuseums 24 historische Lokomotiven, darunter auch den Adler-Nachbau von 1935. Der Vorstand der DB beschloss, ihn wieder instand setzen zu lassen. Dieser Beschluss stieß in der Bevölkerung auf große Zustimmung und es könnten 200.000 Euro an Spendengeldern für den Wiederaufbau eingesammelt werden. Die Restaurierung im Dampflokwerk in Meiningen kostete insgesamt rund eine Million Euro.

Zusätzlich zu der Lokomotive haben die Meininger Spezialisten noch zwei Wagen nach historischem Vorbild gebaut. Zusammen mit einem dritten Wagen, den das Feuer verschont hatte er stand in der Brandnacht nicht im Depot in Gostenhof, sondern im Museum selbst verfügt das DB Museum damit über einen Zug mit insgesamt 72 Plätzen, der auf Tour gehen kann. Nach den Erfahrungen früherer Adlerfahrten werden nun Wagen Dritter Klasse mit Holzbänken und offenen Seitenwänden eingesetzt.

Die insgesamt 17 Adler-Publikumsfahrten an den folgenden Wochenenden sind ausverkauft. Weitere werden sicher bald folgen.

Begegnung der Generationen

Auf seinen Fahrten begegnet der Adler zahlreichen ICE- Hochgeschwindigkeitszügen. Offensichtlicher kann der Kontrast zwischen den Epochen nicht sichtbar werden.

Im Eisenbahnjahr geht es natürlich nicht allein um den Adler, sondern um die komplette Entwicklung der Eisenbahn seit damals. Dabei werden auch die unrühmlichen Seiten der deutschen Eisenbahn angeschnitten.

Die Ausstellung "Das Gleis"

Dem folgenschwersten Kapitel der deutschen Eisenbahngeschichte ist ein Projekt gewidmet, bei dem erstmals das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg mit der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Polen kooperiert. Es zeigt unter dem Titel Das Gleis, dass ohne das Transportmittel Eisenbahn der organisierte Massenmord an den Juden nicht möglich gewesen wäre.

Eine direkte Bildübertragung verbindet erstmals zwei Orte, die symbolisch für Anfang und Ende eines bis dahin beispiellosen verbrecherischen Handelns stehen: Nürnberg als Ort der 1935 erlassenen Rassengesetze (75 Jahre vor dem Bahnjahr 2010) und Auschwitz als zentrale Stelle der Vernichtung

Vom Adler zum Spaceshuttle

Die Eisenbahn als Motor wirtschaftlicher Entwicklung steht im Mittelpunkt der Ausstellung Die Strecke des Adlers im Museum Industriekultur, die am Beispiel dieser Bahnlinie die voranschreitende Industrialisierung darstellt. Eine Schau im Planetarium, das am Startpunkt der nicht mehr existierenden Adler-Strecke liegt, thematisiert unter der Überschrift Vom Adler zum Spaceshuttle Reisen auf der Erde und im Himmel. Ursprünglich hätte die Schau "Vom Adler zum Eagle" heissen sollen, in Anspielung an die erste Mondlandung. Die Landefähre hieß bekanntlich "Eagle", das englische Wort für Adler.

Wenn ihr euch für die Geschichte der Eisenbahn, für die Technik und die Entwicklung der Bahn interessiert, dann könnt ihr viel Wissenswertes im WAS IST WAS 54 "Die Eisenbahn" nachlesen - das wurde übrigens von den Experten des Nürnberger DB Museums verfasst!


Text und Fotos: Roland Rosenbauer, 12.1.2010, Logo mit freundlicher Erlaubnis der Stadt Nürnberg.


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