Das Fräulein vom Amt wird "geboren"

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Das Fräulein vom Amt wird "geboren"

Mit der Erfindung eines Sprachübertragungsapparates landet Alexander Graham Bell anno 1876 einen echten Hit. So viele wollen das so genannte Telefon haben, dass individuelle Verbindungen zwischen den einzelnen Apparaten nicht mehr möglich sind. Vermittlungsstellen müssen für den richtigen Anschluss sorgen.

Das Fräulein vom Amt

Am 26. Januar 1878 nahm die erste Telefonvermittlung ihren Dienst auf. Junge Männer kümmerten sich um die Verbindungen.

Aber schon im Herbst stieg die Telefongesellschaft auf weibliche Kräfte um. Das "Fräulein vom Amt" war geboren. Das hatte einen ganz praktischen Grund: die Stimmlage von Frauen ist höher und die Schallwellen leichter verständlich.

Aufgaben und Pflichten

Das Foto zeigt ein altes Kurbeltelefon mit Batterie. Diese wurde früher benötigt, um das Mikrophon mit Strom zu versorgen.



Ein Fräulein vom Amt hatte folgende Aufgaben zu erledigen: Sie hatte für jeden Teilnehmer auf ihrem Klappenschrank eine eigene Anschlussbuchse. So konnte jeder Teilnehmer durch das Einstecken der entsprechenden Anschlussbuchse erreicht werden. Dazu der Standardsatz: "Jetzt kommt ein Gespräch für Sie" und die Verbindung wurde hergestellt.

Einstellungsvoraussetzungen waren eine gute Schulbildung, beste Umgangsformen und wenn möglich Fremdsprachenkenntnisse. Außerdem mussten die Damen jung und aus gutem Hause sein. Die Ausbildung bezahlte die Post.

Private Kontakte unerwünscht

Streng bewacht wurde der Familienstand: Die "Fräuleins" mussten ledig sein. Ehe und Dienst schlossen sich gegenseitig aus. Auf etwaige Anträge der Anrufer hatten die Damen mit einer festgelegten Standardantwort zu reagieren: "Besetzt. Werde melden, wenn frei."

Serviecleistungen inklusive

Auf sachliche Anfragen reagiert das Fräulein natürlich viel entgegenkommender. War nur der Name eines Teilnehmers aber nicht dessen Nummer bekannt, suchte die Dame vom Amt sie heraus. Selbst Fragen nach der Uhrzeit wurden beantwortet.

Foto: Dieses Modell eines Telefons hatte keine Wählscheibe, sondern eine Kurbel zur Erzeugung der notwendigen elektrischen Spannung, um sich beim Fräulein vom Amt bemerkbar zu machen. Diese Rufspannung ließ an der Gegenstelle, also in der Vermittlung oder an einem anderern Telefon, eine optische Anzeige oder einen Wecker ansprechen.



Trendjob um die Jahrhundertwende

Gab es Ende des 19. Jahrhunderts nur ein paar hundert Telefonanschlüsse in den Großstädten, stieg ihre Zahl sprunghaft auf mehrere Zehntausend an. Entsprechend wuchs auch die Zahl der Telefonistinnen.

Gab es 1897 erst knapp 4.000 Fräuleins vom Amt, waren es zehn Jahre später schon über 16.000. Mit der Erfindung des Wählscheibentelefons und der automatischen Vermittlung endete ihre Ära.

1966 hieß es dann für das letzte Fräulein vom Amt: "Kein Anschluss unter dieser Nummer."

Das Foto zeigt ein Wählscheibentelefon aus den 1950er Jahren.

Text: SW/RR, Gemälde: Max Schüler 1912 (PD), Fotos: Wilfried Wittkowsky (Kurbeltelefon mit Ortsbatterie), Nixdorfmuseum (Frühes Telefon), Wählscheibentelefon (PD), weitere Lizenzen: cc by sa 3.0.


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