Die Republik Freies Wendland

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Die Republik Freies Wendland

1980 war Deutschland nicht nur zwei- sondern sogar dreigeteilt. Mitten im Wald bei Gorleben errichteten Demonstranten ein Dorf und einen Staat: Die Freie Republik Wendland. Sie existierte nur einen Monat lang.

Nach der Ölkrise im Jahr 1973 wollte die deutsche Bundesregierung die Kernenergie stark ausbauen. Damit sollte der ständig steigende Energiebedarf gesichert werden.



Nach der damaligen Planung sollten innerhalb von 12 Jahren 40 neue Atommeiler gebaut werden.



Eine neue Bürgerbewegung



Vielen Bürgern in Deutschland war die Atomkraft nicht geheuer. Sie fürchteten sich vor der radioaktiven Strahlung und hatten Angst um die Gesundheit ihrer Kinder. Ihrer Ansicht nach wogen die mit dem Betreiben von Kernkraftwerken verbundenen hohen Risiken und Probleme die gewonnene langfristige Sicherheit bei der Energieversorgung nicht auf.



Proteste gab es sowohl bei geplanten Standorten für neue Kernkraftwerke als auch bei den geplanten Endlagerstätten für den Atommüll. Der Slogan der Demonstranten lautete "Atomkraft - nein Danke!"



Angst vor dem Super-GAU



Die Atomkraftgegner fürchteten vor allem den so genannten Super-GAU. GAU steht hier als Abkürzung für "Größter anzunehmender Unfall" und hätte das "Super" davor gar nicht benötigt. Wegen ungeklärter Leukämiefälle in unmittelbarer Nähe deutscher Kernkraftwerke sehen viele Atomkraftgegner auch Gefahren im Normalbetrieb von Kernkraftwerken.



Strahlende Zeitbomben im Salzstock



Bedenken hatte man aber auch wegen der vielen ungelösten Probleme bei der Entsorgung von ausgebrannten Brennstäben. Dieser radioaktive Abfall wird in Salzstöcken endgelagert, wo er noch Jahrhunderte lang Strahlung abgibt.



Auf der Suche nach dem Endlager



Die niedersächsische CDU-Landesregierung von Ministerpräsident Ernst Albrecht entschied sich im Jahr 1977 für einen Salzstock im Untergrund bei Gorleben als Endlager für alle Arten von radioaktiven Abfällen.



Im innerdeutschen kalten Krieg war die Standortentscheidung vor allem nach politischen Kriterien erfolgt. Das damalige "Zonenrandgebiet" zur DDR war nur dünn besiedelt, so dass man mögliche Gefahren für die Bürger ausser Acht lassen konnte.

Als Vorteil sah man auch die Nähe zum im Aufbau befindlichen Endlager Morsleben. Heute weiß man, dass die damalige Entscheidung wissenschaftlich nicht abgesichert war.



Der Streit um das Atommülllager beginnt



Als 1979 mit dem Bau des Erkundungsbergwerks und des Zwischenlagers begonnen wurde kam es zu ersten Protesten der Bevölkerung und bundesweit von Atomkraftgegnern.

Am 3. Mai 1980 bauten 5000 Demonstranten am Erkundungsstandort ein Hüttendorf auf. Dort gründeten sie symbolisch die Republik Freies Wendland.



Eine Republik in der Republik



Das kleine provisorische Dorf stand auf dem Gelände der Tiefbohrstelle 1004 und musste durch einen Grenzübergang mit Schlagbaum betreten werden. Die Republik hatte sogar ihre eigene Flagge gehisst.



Gegen eine Gebühr von 10 DM, das entspricht nach heutiger Währung fünf Euro, konnten sich Besucher der Republik einen so genannten "Wendenpass" ausstellen und mit einem Einreisestempel versehen lassen. Nach Definition der Besetzer galt der Pass "für das gesamte Universum (...) so lange sein Inhaber noch lachen kann."



Eine kurze Utopie



Das Leben in der Hippie-Republik dauerte nur einen Monat. In dieser Zeit lebten etwa 300 Menschen ständig und einige Tausend während der Wochenenden in diesem Dorf. Weil auch die Landwirte in der Region kein Atommülllager wollten, versorgten sie die Dorfbewohner regelmäßig mit Lebensmitteln.



Das Imperium schlägt zurück



Die Staatsgewalt wollte sich eine weitere Teilung Deutschlands nicht gefallen lassen. Die von Helmut Schmidt geführte Bundesregierung ordnete die polizeiliche Räumung des Hüttendorfes an.



Am 4. Juni 1980 rückten mehrere tausend Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz an, um das Gelände gewaltsam zu räumen. Die Demonstanten blieben bis zum bitten Ende friedlich und leisteten gewaltfreien Widerstand. Trotzdem wurden viele von ihnen von Polizeibeamten geschlagen und verletzt.



Bis heute gibt es keine Lösung



Zurzeit gibt es etwa zwei Kilometer südlich von Gorleben vier Anlagen. Neben dem Zwischenlager betreibt die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe mbH (DBE mbH) ein so genanntes Erkundungsbergwerk, das möglicherweise in Zukunft als Endlager für hochradioaktiven Atommüll dienen soll. Die Nutzung ist allerdings stark umstritten und derzeit ungeklärt.



Proteste dauern an



Gorleben rückt jedes Jahr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, wenn Brennelemente aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague quer durch Nordfrankreich und die Bundesrepublik Deutschland bis ins Zwischenlager Gorleben überführt werden. Das sind die bekannten Atommülltransporte mit den Castor-Transportbehältern.



Der Widerstand dagegen begann schon Mitte der 1990er Jahre und flammt bei jedem Castor-Transport neu auf. Dieser findet meist im November statt und wird stets von einem riesigen Polizeiaufgebot begleitet.



Warten auf ein Endlager



Das Ziel dieser Atommülltransporte ist nicht der Salzstock, sondern eine oberirdische Betonhalle. Hier soll der hochradioaktive Atommüll in den nächsten Jahrzehnten in den Castor-Transportbehältern verbleiben, bis er sich von zunächst 400 Grad Celsius auf 200 Grad Celsius abgekühlt hat und ein geeignetes Endlager zur Verfügung steht.

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Text: RR, Stand: 1. 6. 2010, Bilder: Republik Freies Wendland (PD),


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