Capoeira: Nationalsport aus Brasilien

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Capoeira: Nationalsport aus Brasilien

In Brasilien ist Fußball der Nationalsport Nummer 1. Doch fast genauso populär ist Capoeira. Bei dieser rasanten Mischung aus Tanz, Kampftechnik und Akrobatik lernt man seinen Körper zu beherrschen.


"Capoeira verbindet so Gegensätzliches wie Kampf und Tanz, Gewalt und Ästhetik, Spiel und tödlichen Ernst, Ritual und Spontanität, choreographische Strenge und Bewegungsimprovistation, Magie und Realitätssinn, Körperschulung und Lebensphilosophie."

(Piero Onori)

Von afrikanischen Sklaven entwickelt

Über die Entstehung der Capoeira ist bis heute wenig bekannt. Überwiegend wird die Auffassung vertreten, dass die ersten Bantu-Sklaven, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus Angola nach Brasilien verschleppt worden waren, dort die Capoeira entwickelten. Dazu gestalteten die Afrikaner eine Vielzahl von traditionellen Tänzen und Kampfspielen zu einer von den Sklavenhaltern gefürchteten Verteidigungstechnik um. Dabei konnte der ganze Körper als Waffe eingesetzt werden. Die charakteristische Capoeiramusik kam dazu, um das heimliche Kampftraining vor den misstrauischen Plantagenbesitzern zu tarnen.

Körper als einzige Waffe

Wenn Sklaven vor der Zwangsarbeit auf den Zuckerrohrplantagen in den Urwald flüchteten, waren sie durch die Capoeira ihren Verfolgern überlegen. Ihr Körper war die einzige Waffe zur Verteidigung ihrer Fluchtburgen, den sogenannten Quilombos, den selbstverwalteten Gebieten. Erst im 19. Jahrhundert kam die Capoeira vom Land in die Städte.


1823 offiziell verboten 

Um sich vor der Verfolgung durch die Polizei zu schützen, bildeten die ehemaligen Sklaven Straßenbanden, die sich vor allem in den Straßen von Rio de Janeiro erbitterte Kämpfe lieferten. 


Da die Capoeira von nun an mit gewalttätigen Straßenkämpfen verknüpft wurde, sank sie zu einem Verbrechen ab, statt sich zu einem charakteristischen afro-brasilianischen Sport zu entwickeln. 1823 wurde Capoeira offiziell verboten.

Interessanterweise wurden aber gerade die Capoeirista bei Kriegen oder Unruhen zum Schutz des Kaiserreichs eingesetzt, so auch beispielsweise im Krieg gegen Paraguay (1864-1870). Später dienten Capoeirista politischen Parteien, um Wahlveranstaltungen der Konkurrenz zu stören. Erst 1937 wurde das Verbot der Capoeira aufgehoben.


Zwei Stilrichtungen

Trotz des Verbotes waren in Salvador schon um 1932 die ersten Capoeira-Schulen gegründet worden. Mestre Bimba entwickelte mit der Capoeira Regional einen Stil, der stark von asiatischen Kampfsportarten beeinflusst war.

Seither gibt es zwei Stilarten: Capoeira Regional und die traditionelle Capoeira de Angola, die es heute fast nur noch in Bahia gibt.


Religiöse Ursprünge


Capoeira ist eng mit der Candomblé-Religion verwandt. Dieser Begriff umfasst mehrere religiöse Gruppen afrikanischen Ursprungs, deren ursprüngliche Religionen sich mit katholischen, indianischen und spiritistischen Traditionen vermischt haben.  

Die Götter des Candomblé, die Orixás haben menschliche Züge mit Schwächen und Fehlern. Ähnlich wie im alten Griechenland geben diese Gottheiten keine moralischen Richtwerte vor.

Heute gibt es viele Facetten der Capoeira: Sie ist Musik, Gesang, Tanz, Kampf ebenso wie Sport, Kunst, Folklore, Lebensphilosophie oder Show.

Körperbeherrschung und Akrobatik:

Bei der Capoeira bilden Zuschauer und Teilnehmer einen Kreis, die Roda. Das Spiel wird von der Musik bestimmt.

Wichtigstes Instrument ist hier das Berimbau, ein Musikbogen mit einer Kalebasse als Klangkörper. Der Klang dieses Instruments ist für die Capoeira wie der Herzschlag für den Menschen.

Sobald es erklingt, erheben sich zwei Capoeiristas aus der Runde, um die erlernten Bewegungen im freien Spiel zu praktizieren während die anderen singen, klatschen oder musizieren.

Ziel des Spieles ist es nicht, den Anderen durch Aggression zu "besiegen", sondern sich in gekonntem Zusammenspiel durch geistige und körperliche Geschicklichkeit und Schnelligkeit die Grenzen aufzuzeigen. Das Berimbau, bestimmt das Spiel der Tänzer, das Tempo, die Agressivität. Sobald das Berimbau verstummt, ist der Kampf beendet.

Da die Bewegungen außerordentliche Geschwindigkeit, großes Geschick und Beweglichkeit erfordern, ist für die Ausführung der Capoeira eine spezifische Gymnastik erforderlich, die inzwischen auch als Sportart angesehen und akzeptiert wird.

Weltweite Verbreitung:

Mit zunehmendem Selbstbewusstsein der Afro-Brasilianer hat seit Mitte der 70er Jahre auch Capoeira an Bedeutung gewonnen. Längst haben Salvadors Capoeira-Schulen Ableger in den Vereinigten Staaten oder auch in Deutschland bekommen.

Die Zeiten, in denen Bahias berühmte Capoeira-Meister verarmt starben, sind ebenso vorbei wie der Ruf der Capoeiristas, nichts anderes als Diebe, Gauner und Straßenräuber zu sein. In Brasilien steht Capoeira als Nationalsport in der Popularität heute fast gleichrangig neben dem Fußball.

Text und Bilder: Roland Rosenbauer, 28. 7. 2003 / akt. Nic 27.6.2012

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