Wir gratulieren einem Papst!

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Seine Mutter weckte früh die Liebe zur Literatur in Reich-Ranicki. Die Literatur half ihm sogar ganz handfest auf seiner Flucht vor den Nazis. Dabei mahnte er immer, die Literatur nicht zu Ernst zu nehmen, sondern sie als ein Spiel anzusehen. Aus seiner Feder stammt auch eine Liste der Bücher und Texte, die man seiner Meinung nach unbedingt gelesen haben sollte.

Marcel Reich-Ranicki ist jüdischer Abstammung. Sein polnischer Vater war David Reich, seine deutsche Mutter, selbst Autorin, Helena Reich-Ranicki. Durch sie kam er auch früh mit deutscher Literatur in Berührung. In seiner Jugend war er besonders vom Dichter Rainer Maria Rilke fasziniert.

Kein Studium als Jude

Die Familie siedelte 1929 von Polen nach Berlin über. Marcel machte 1938 sein Abitur in Berlin-Wilmersdorf. Zu diesem Zeitpunkt war Hitler schon fast fünf Jahre an der Macht. Deshalb konnte Reich-Ranicki auch nicht studieren. Er wollte sich zwar an der Friedrich-Wilhelms-Universität einschreiben, wurde aber wegen seines jüdischen Glaubens abgelehnt.

Im selben Jahr, 1938, wurden er und seine Familie nach Polen in das Ghetto von Warschau deportiert. Weil Ranicki Deutsch und Polnisch konnte, musste er für die deutschen Besatzer als Übersetzer arbeiten. Im Ghetto lernte Reich-Ranicki 1940 seine Frau Teofila kennen. Ihr Vater brachte sich im Ghetto um, nachdem er von deutschen Soldaten geohrfeigt und gedemütigt worden war.

Sprung aus dem Zug

Dem liebenden Pärchen gelang 1943 die Flucht vor dem sicheren Tod. Die beiden retteten sich mit einem Sprung aus dem fahrenden Zug, der sie ins KZ bringen sollte. Ranicki und seine Frau wurden geraume Zeit von einem Ehepaar in einem kleinen Häuschen versteckt. Hier half ihm die Literatur über gefährliche Zeiten hinweg. Mit Klassikern wie "Effi Briest" oder "Wilhelm Tell" hielt er seine Beschützer bei Laune.

Hilfe von Böll

Nach dem Krieg wurde er der jüngste Botschafter Polens in London. Aber er konnte mit der kommunistischen Regierung Polens nichts anfangen und verließ 1958 sein Heimatland, um nach Deutschland überzusiedeln. Hilfe erhielt er dabei vom deutschen Schriftsteller Heinrich Böll, der durch eine Bürgschaft dafür sorgte, dass Ranicki einen Ausreisepass erhielt.

In Deutschland stand er zunächst vor dem Nichts. Seine Kontakte zu deutschen Autoren halfen ihm aber. Er schrieb Kritiken für die Zeitungen "Die Welt" und die "FAZ". Außerdem nahm er an Treffen der Literaturgruppe "Gruppe 47" teil. Ab 1960 arbeitete er als Literaturkritiker für "Die Zeit", von 1973 bis 1988 war er Leiter der Literaturredaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Dort rief er auch die "Frankfurter Anthologie" ins Leben, die Gedichte deutschsprachiger Autoren veröffentlicht.

Literatur im TV

Ab 1988 bis 2002 leitete er die Fernsehsendung "Das literarische Quartett". Durch diese Sendung wurde er berühmt. Sein leichtes Lispeln zusammen mit seiner knorrigen Stimme und dem energisch herumfuhrwerkenden Zeigefinger machten ihn zu einer oft parodierten Figur im Fernsehen.

Seine Auftritte waren immer temperamentvolle Inszenierungen seiner Liebe zu Büchern. Manchmal schoss er über das Ziel hinaus. So zerstritt er sich mit der ebenfalls am Quartett teilnehmenden Sigrid Löffler. Überheblich kanzelte er sie ab, wenn sie eine abweichende Meinung über ein Buch äußerte.

Marcel Reich-Ranicki erhielt zahlreiche Ehrendoktorwürden und Gastprofessuren, obwohl er selbst nie studiert hat. In der Ausgabe des "Spiegel" vom 18. Juni 2001 findet sich eine von Reich-Ranicki zusammengestellte Liste der Bücher, die man seiner Meinung nach unbedingt gelesen haben sollte.

Zitate:

"Mich interessiert die Literatur, nicht das Buch"

"Die meisten Dichter verstehen von Literatur nicht mehr als Vögel von Ornithologie"

"Man sollte die Literatur nicht bierernst nehmen. Sie ist ein Spiel, wenn auch ein erhabenes"

Erklärungen:

Kritik ist die Kunst der Beurteilung. Kritik an sich ist zunächst nicht negativ zu sehen. Positive Kritik ist ein Lob, negative Kritik eine Beanstandung. Es ist für den kritisierten immer hilfreich, nicht nur seine Fehler zu hören (destruktive Kritik), sondern auch einen Tipp zu bekommen, wie er es hätte besser machen können (konstruktive Kritik).

Anthologie bedeutet wörtlich übersetzt "Blütenlese". Damit bezeichnet man eine ausgewählte Sammlung von Werken verschiedener Autoren, Musikern oder Künstlern im allgemeinen.

Hier erfahrt ihr mehr über das Warschauer Ghetto

Text: -jj- 2.6.2005 / Foto mit freundlicher Genehmigung von dtv.

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