Kunst oder Kind ein Kommentar zur Nominierungsliste des Jugendliteraturpreises 2008

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Kunst oder Kind ein Kommentar zur Nominierungsliste des Jugendliteraturpreises 2008

Am 17. Oktober 2008 wurden die Sieger des Jugendliteraturpreises auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben. In den letzten Monaten haben wir euch alle Bücher der Auswahlliste vorgestellt. Während wir die 29 Bände lasen, die von der Erwachsenen- und der Jugendjury nominiert wurden, haben wir uns zudem einige grundsätzliche Gedanken über die ausgewählten Bücher gemacht, die wir euch hier vorstellen möchten.

Nach welche Kriterien werden die Bücher ausgewählt?

Genau diese Frage haben wir Mitarbeiter der Online-Redaktion von www.wasistwas.de uns immer wieder gestellt, als wir die Bücher lasen. Besonders gewundert haben wir uns über die Zuweisung mancher Bücher in Sparten, in die sie unserer Ansicht nach nicht passen.

Bilderbücher für Erwachsene

Hänsel und Gretel (empfohlen ab 10) ist unserer Meinung nach nicht für Kinder, sondern für ein erwachsenes Publikum verfasst. Den Ansprüchen eines Kunstliebhabers wird es gerecht, nicht jedoch denen eines jugendlichen Betrachters, dem es unverständlich und deshalb wahrscheinlich uninteressant bleibt. 5 Songs lag uns leider nicht vor, weshalb wir es nicht bewerten konnten. Es wird jedoch von der Jury ab 13 Jahren empfohlen.



Bilderbücher als Kinderbuch

Mit Die schlaue Mama Sambona und Zarah haben sich zwei Bilderbücher in die Kategorie Kinderbuch verlaufen. Die vier anderen ausgewählten Kinderbücher sind erst für Menschen ab zehn beziehungsweise elf und sogar 12 Jahren empfohlen. Vermisst haben wir daher Romane fürs Grundschulalter, die man eigentlich in dieser Kategorie erwarten würde.



Sachbücher nur für Ältere

Auch im Sachbuchbereich ist kein einziger Titel für diese Altersgruppe geeignet. Abgesehen von 1 roter Punkt (ab 3) richten sich die Sachbücher an Jugendliche im Alter von elf bis mindestens 16 Jahren. Gerade das ab 16 Jahren empfohlene Holocaust-Buch ist nicht unbedingt als Lektüre für Jugendliche geeignet. Nicht des Themas wegen, denn eine Auseinandersetzung mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus ist auch für Teens wichtig.

Hier geht es jedoch um die Lebensgeschichte einer erwachsenen Künstlerin, deren jüdische Eltern den Holocaust erlebten. Sie verarbeitet ihre Erlebnisse mit den Eltern und spricht damit in erster Linie ihre eigene Generation an.

Wo sind die Kinderbücher?

Insgesamt erscheint uns das ausgewählte Spektrum in allen Sparten als zu alt. Unsere Frage daher: Gibt es so wenige Kinderbücher für die Altersgruppe zwischen zwei und neun Jahren, die es wert sind, aufgestellt zu werden? Unter den 29 Titeln sind es dieses Jahr nämlich nur sieben.

Und: Wenn es so schwer ist, fünf bis sechs Titel pro Sparte zu finden, die tatsächlich in diese Rubrik gehören, warum löst man die Sparten dann nicht entweder auf oder nominiert eben notfalls weniger Bücher, wenn es zum Beispiel nur drei herausragende Kinderbücher in einer Saison gibt?

Kunst statt Kind

Schließlich fällt uns auf, dass besonders im Bilderbuchbereich immer mehr künstlerisch herausragende Bände ausgewählt werden. Doch die kindliche Perspektive wird dabei nicht immer berücksichtigt. Sicher sind auch für Kinder außergewöhnlich ästhetisch gestaltete Bilderwelten, wie es in der Begründung der Jury heißt, wünschenswert, doch sollte dabei nicht außer Acht gelassen werden, ob das Buch überhaupt noch für Kinder verständlich, ansprechend und zumutbar ist.

Die durchweg düster gehaltenen Seiten von Der weiße und der schwarze Bär sowie Zarah hinterlassen im Betrachter ein beklommenes Gefühl. Trotz ansprechender Gestaltung von Ente, Tod und Tulpe, Wann kommt Mama? und Die schlaue Mama Sambona sind auch hier Themen und Darstellungsweisen sicher nicht dazu angetan, sie zu Lieblingsbüchern der Jüngsten werden zu lassen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch im Kinderbuch haben Themen wie Tod, Einsamkeit und Alpträume einen Platz. Doch sollten sie so aufgearbeitet werden, dass der kindliche Betrachter nach dem Zuklappen des Buches nicht verstörter und ratloser zurückbleibt als er angesichts dieser Unheimlichkeiten ohnehin schon ist. Ein Happy-End ist dazu ebenso wenig erforderlich wie eine Durchdringung dieser Probleme bis ins letzte Detail - wohl aber etwas mehr Wärme.

Wünschenswert fänden wir zudem eine vielfältigere Auswahl, gerade für Erstleser und Vorschulkinder.

Jugendjury

Die Nominierungen der Jugendjury hingegen entsprechen wesentlich mehr den Wünschen ihrer Altersgenossen, ohne dabei nur aus gefällig-nichtssagenden Schmökern zu bestehen. Im Gegenteil werden auf hohem sprachlichem Niveau die unterschiedlichsten Themen präsentiert. Unserer Meinung nach eine gelungene Mischung.

Text: Liane Manseicher; Poster Jugendliteraturpreis: akj.

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