Fluch oder Segen? Ab 1. August gilt die neue Rechtschreibung

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Fluch oder Segen? Ab 1. August gilt die neue Rechtschreibung

Känguru oder Känguruh? Schifffahrt oder Schiffahrt? Potenziell oder potentiell? Ab 1. August besteht keine Auswahlmöglichkeit zwischen der neuen und alten Rechtschreibung mehr. Zumindest für Schulen und Behörden ist die Reform verbindlich. Verlage und Druckereien haben zwar Vorbildfunktion, dürfen aber nach wie vor die alten Regeln verwenden. Deshalb braucht ihr euch nicht wundern, wenn Zeitungen zum Teil auch in Zukunft anders schreiben, als ihr es im Unterricht lernt.

Eigentlich sollte die Rechtschreibreform schon zum 1. 8. 2005 bundesweit gelten, für Bayern und Nordrhein-Westfalen gab es eine Ausnahmeregelung. Das war deshalb möglich, weil Bildung Ländersache ist und nicht in den Bereich der Bundesregierung fällt. Die Ministerpräsidenten Stoiber und Rüttgers hatten die neue Rechtschreibung nicht in ihren Bundesländern eingeführt. Ihr Argument: Die Rechtschreibreform ist noch in vielen Punkten strittig und soll nachgebessert werden. Erst die überarbeitete Version sind sie nun bereit zum 1. 8. 2006 zu akzeptieren.

Ist die deutsche Sprache in Gefahr?

Überhaupt ist über die Rechtschreibreform jahrelang heftig gestritten worden. Beschwert haben sich natürlich in erste Linie Menschen, die mit der alten Rechtschreibung aufgewachsen sind und für die die neuen Regeln eine große Umstellung darstellen. Außerdem betrachten viele die Neuerung als einen Angriff auf die deutsche Sprache und Kultur. Umstritten sind vor allem die Zeichensetzung, die Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Eindeutschung von Fremdwörtern.

Protestwelle

In Deutschland regte sich unmittelbar nachdem der erste Entwurf zur Rechtschreibreform bekannt wurde, eine Welle des Protests. Auf der Buchmesse unterzeichneten Hunderte von Schriftstellern und Wissenschaftlern 1996 die so genannte Frankfurter Erklärung zum Stopp der Reform. Auch die Mehrzahl der Literatur- und Sprachwissenschaftler ging auf die Barrikaden und forderte die Rücknahme der Neuregelung. "Normalbürger" machten ebenfalls mobil und organisierten Volksbegehren.

Nur 26 Prozent dafür

Die Medien haben ihren Teil dazu beigetragen, die Öffentlichkeit gegen die Rechtschreibreform zu mobilisieren. Nach Umfragen aus dem Sommer 2004 wollen nur 26 Prozent der Deutschen über 16 Jahre die Reform beibehalten. Übrigens ganz im Gegensatz zu Österreich und der Schweiz, wo die neuen Regeln ohne große Gegenwehr akzeptiert wurden.

Zeitungen tanzen aus der Reihe

Bei uns ist die Situation derzeit ziemlich verwirrend: Mehr als 300 Zeitungen und Zeitschriften schreiben weiterhin in der alten Rechtschreibung. Allen voran ist die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) zu nennen, die bereits 2000 zur konventionellen Schreibweise zurückkehrte, nachdem sie die neue ein Jahr ausgetestet hatte. Im Moment setzt nur eine Minderheit der Medien die Reform voll um. Viele haben eine eigene Hausrechtschreibung und picken sich nur Teile der neuen Regeln heraus.

Verlage auf Reformkurs

Bei den Buchverlagen ist die Akzeptanz deutlich höher. Ca. 80 Prozent aller neu verlegten Bücher erscheinen in der neuen Rechtschreibung, bei Kinder-, Jugend- und Sachbüchern sind es nahezu hundert Prozent. Auch Klassiker, die vom Reclam-Verlag vor allem für den Schulgebrauch herausgebracht werden, sind in der Rechtschreibung angepasst worden. Legt ein Autor Wert darauf, dass sein Buch in alter Rechtschreibung gedruckt wird, kommen ihm die Verlage in der Regel entgegen.

Vereinfachung dringend notwendig

Sicher wird auch in Zukunft noch viel über die Rechtschreibreform diskutiert werden. Fest steht aber: Die deutsche Schriftsprache bedarf schon seit langem einer Vereinfachung. Das, was heute als alte Rechtschreibung gilt, wurde 1901 auf der 2. Orthografischen Konferenz in Berlin beschlossen. Ziel war damals, für eine einheitliche Rechtschreibung für das gesamte deutsche Sprachgebiet, also auch Österreich und Schweiz, zu sorgen. Nicht mehr verfolgt wurde danach die Absicht die geschriebene Sprache weniger kompliziert zu gestalten und die vielen Ausnahmen zu beseitigen.


Duden bekommt Monopol

Schon 1880 hatte Preußen die amtliche Orthografie auf die Grundlage des Wörterbuchs von Konrad Duden gestellt. 1902 erließ dann der Bundesrat für das Gesamte Deutsche Reich verbindliche "Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis." In den folgenden Jahrzehnten wurde die deutsche Rechtschreibung von der Redaktion des Duden weitergeführt, nach 1945 getrennt in Ost und West.

Fixe Ideen

Der Versuch einiger Verlage, das Dudenmonopol 1955 mit eigenen Wörterbüchern zu unterlaufen, gelang nicht. Die Kultusminister erklärten den Duden weiterhin für verbindlich. Im Rahmen der Studentenrevolte von 1968 starteten Reformer den bislang größten Angriff auf die alte Rechtschreibung. Sie wurde als einengend und rückständig empfunden. Vorschläge, einfach alles außer Eigennamen klein zu schreiben, wie Dänemark es vorgemacht hatte, konnten sich nicht durchsetzen. Stellt euch vor - sogar die durchgängige Großschreibung wurde vorgeschlagen, fand aber zu wenig Anhänger.

Grundlage der Neuregelung

Der Vorschlag, auf dem die neue Rechtschreibung aufgebaut ist, wurde schließlich von einer internationalen Arbeitsgruppe in Wien ausgearbeitet und 1992 in Buchform herausgebracht. Die überarbeitete Fassung von 1994 bildete dann die Verhandlungsgrundlage für die Neuregelung der deutschen Sprache. Welche wesentlichen Veränderungen sie beinhaltet, wollen wir euch in unserem Linkartikel erklären. Und welche Meinung ihr zur Rechtschreibreform habt, interessiert uns natürlich auch. Bitte gebt eure Kommentare ab!

Reform der Reform

Seit dem 17. Dezember 2004 arbeitet der Rat für deutsche Rechtschreibung an der Verbesserung der besonders umstrittenen Themen der Rechtschreibreform, wie z. B. der Zusammen- und Getrenntschreibung sowie der Eindeutschung von Fremdwörtern (Ketschup, Portmonee). Der Rat durfte nachbessern , eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung wurde ihm von den Politikern aber ausdrücklich untersagt.

Am 27. Februar 2006 überreichte der Rat der Kultusministerkonferenz eine Reihe weiterer Empfehlungen. Die Änderungen betreffen vor allem Groß- und Kleinschreibung sowie Zusammen- und Getrenntschreibungen. So werden Eigennamen wie "der Runde Tisch" wieder großgeschrieben und Wörter wie "eislaufen" wieder zusammengeschrieben.

Nach erfolgter Zustimmung der Kultusministerkonferenz kann die geänderte Rechtschreibreform planmäßig zum 1. August 2006 in Kraft treten.

Nic/rr 31.07.2006 / Bilder: Pressefotos Duden, Image Library

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