Tour de France 2006: Sie rollt wieder aber ohne Jan Ullrich

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Tour de France 2006: Sie rollt wieder aber ohne Jan Ullrich

Am 1. Juli 2006 startet die 93. Tour de France. Und alle Rennsportfreunde haben sich auf das schwerste und wichtigste Straßenrennen gefreut. Doch dann die schockierende Meldung: Überzeugt von der spanischen Polizei, die in einem Dopingskandal rund um den Radsport ermittelt, wurde Favorit Jan Ullrich von seinem Team aus der Mannschaft genommen. Er, sein Teamkollege Oscar Sevilla und sein Betreuer Rudy Pevenage wurden vom Team ausgeschlossen. Fast ein K.-O.-Schlag für den Rennfahrer, alle Radsportfans und den Radrennsport selbst!

Die Ermittlungen

Schon seit längerem ermittelt die spanische Polizei gegen Ärzte in Madrid. So stöberten sie im Mai 2006 ein Geheimlabor auf und nahmen es bei einer großen Razzia hoch. Doping aller Art ist verboten. Doch es finden sich immer wieder Ärzte, die mit verbotenen Substanzen Geld machen wollen. In diesem Labor fand die Polizei viele Beweisstücke, wie geheime Aufzeichnungen und verschlüsselte Namenslisten und Blutkonserven mit Namencodes, die erahnen ließen, dass viele Sportler, vor allem aber Radfahrer, von dort aus mit verbotenen Blutkonserven versorgt wurden. Nun scheint sich zu bewahrheiten, dass mit bestimmten Kürzeln und Decknamen auch Jan Ullrich gemeint war.

Wie funktioniert Blutdoping?

Die Radfahrer "tauschen" sozusagen ihr Blut per Blutkonserve mit roten Blutzellen angereichertem Blut aus. Entweder sie geben zuvor eigenes Blut ab oder es wird Spenderblut verwendet. Dieses wird dann künstlich mit roten Blutkörperchen angereichert. Dann bekommt der Sportler dieses Blut wieder in den Blutkreislauf. Durch die Erhöhung der roten Blutkörperchen kann der Körper mehr Sauerstoff aufnehmen und transportieren. Dadurch kann der Höchstleistungssportler besser und länger durchhalten und seine Leistung steigern. Strapazen wie die in diesem Jahr 3657 Kilometer lange Tour de France sollen so besser überstanden werden. Gerade im Ausdauersport greifen Athleten zum Blutdoping um ihre Resultate zu verbessern. Aber selbstverständlich ist Blutdoping verboten und alle Sportler und Betreuer wissen das!

Neben den Blutkonserven fand die Polizei noch Anabolika, auch das sind verbotene leistungssteigernde Mittel. Wer des Dopings überführt wird, muss mit einer Strafe, meist einer Sperre rechnen, während der er bei keinem anerkannten Wettkampf teilnehmen darf.

Warum greifen Radprofis oder andere Athleten trotzdem zu solchen Mitteln?

Nun vielleicht auch, weil von ihnen Leistungen erwartet werden, die ein Mensch eigentlich gar nicht mehr erfüllen kann!

Nehmen wir die Tour de France:

Das schwerste Radrennen der Welt führt über 3657 Kilometer. Insgesamt müssen die Fahrer 20 Etappen, darunter fünf schwere Bergetappen und zwei lange Einzelzeitfahren, bewältigen. In diesem Jahr entfällt das Mannschaftszeitfahren, dafür wurden drei schwere Bergetappen wieder mit in das Programm genommen. Es geht wieder hoch hinauf auf den Galibier, den Izoard und nach Alpe dHuez. Gleich die 2. Etappe ist auch die zweitlängste: 228,5 Kilometer mit fünf Bergwertungen müssen die Fahrer am Fuße der Vogesen schaffen. Eine unglaubliche Anstrengung, doch das ist ja nur der Anfang! Es folgen noch 18 weitere Etappen. Zum Teil geht es gewundene Gebirgsstrecken in einem Tempo nach oben, das selbst Autos ihre Probleme hätten zu folgen.

Ein unglaubliches Medienaufgebot begleitet die Profis, die ständig unter dem Druck stehen, ihre Leistung erbringen zu müssen. Bei diesem Rennen geht es neben dem Sieg um sehr viel Geld: Um Werbe- und Sponsorenverträge. Jede Mannschaft wird von einer Firma bezahlt und finanziert. Dafür will solch ein Unternehmen natürlich Erfolge sehen, schließlich ist ein Auftritt im Gelben Trikot die beste Werbung. Doch können die Athleten diesem Druck, immer schneller die unglaublich schwere und lange Strecke zu bewältigen überhaupt stand halten? Scheinbar nicht.

Eine menschliche und sportliche Tragödie

Sieben Jahre lang hatte Jan Ullrich bei der Tour de France Lance Armstrong im Gelben Trikot vor sich. Fast jedes Mal trat er an, um den Amerikaner zu schlagen. Fast, weil er 2002 nicht starten durfte. Doch er wollte einfach noch einmal Toursieger werden, so wie 1997 als er Erster war. Am Ende behielt aber doch immer Armstrong das Gelbe Trikot in Paris an.

Dieses Jahr galt der 32-jährige Ullrich wieder als Favorit. Er hatte sich gut vorbereitet und ließ alle Kritiker mit seinem Sieg bei der Tour de Suisse verstummen. Und nun ist seine Karriere kurz vor dem Ziel wahrscheinlich für immer beendet. Er darf bei der Tour de France nicht starten. Es ist tragisch, wenn es wirklich stimmt, dass auch er gedopt hat. Er ist ein freundlicher, ehrgeiziger, talentierter Sportler. Aber vielleicht hielt auch er dem Druck und den ewigen Erwartungen nicht stand. Wahrscheinlich wie viele andere auch, denn einige weitere Teams wurden wegen Dopingverdachts gar nicht erst zugelassen. Macht er Radrennsport im Stil der Tour de France dann überhaupt noch Sinn?

-ab-30.06.2006 Text / Fotos:

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