Das Rauhe Haus in Hamburg ein Zuhause für verwahrloste Kinder

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Das Rauhe Haus in Hamburg ein Zuhause für verwahrloste Kinder

Vor 175 Jahren, am 31. Oktober 1833 nahm das Rauhe Haus in Hamburg seine Arbeit auf. Der Erzieher und Theologe Johann Heinrich Wichern hatte die Not vieler Kinder in Hamburg gesehen, die in völlig verwahrlosten Familien unter ärmlichsten Verhältnissen oder sogar auf der Straße aufwuchsen. Später wurde Wichern zum Begründer der Inneren Mission (heute: Diakonisches Werk) in Deutschland und viele Einrichtungen für Bedürftige entstanden.

Bild: Johann Heinrich Wichern

Johann Heinrich Wichern (1808-1881) stammte aus einer gutbürgerlichen Hamburger Familie. Als er 15 Jahre alt war, starb sein Vater und er musste für den Lebensunterhalt seiner sechs Geschwister sorgen. So verließ er das Gymnasium vorzeitig und arbeitete als Erzieher in einem Internat. Im Konfirmadenunterricht hatte Wichern ein Bekehrungserlebnis und fortan war ihm ein Leben aus dem christlichen Glauben sehr wichtig.

Freunde finanzierten ihm das Theologiestudium, das er dank nachgeholtem Abitur absolvieren konnte. Er wurde Sonntagslehrer in einem sehr armen Hamburger Stadtviertel.



Fortschritt der Technik Armut der Menschen

Damals herrschte sowohl in den Städten als auch auf dem Land große Armut. Durch die Industrialisierung gab es kaum noch Verdienstmöglichkeiten auf dem Land. Viele Menschen zogen in die Städte und erhofften sich dort mehr Wohlstand. Doch die Arbeit an den Maschinen war äußerst hart und sehr schlecht bezahlt. Obwohl Männer, Frauen und sogar Kinder zwölf Stunden und mehr täglich schufteten, hatten sie kaum das Nötigste zum Leben.

 

Die Folgen waren Verwahrlosung, Seuchen und Kriminalität. Am meisten litten die Schwächsten der Gesellschaft unter diesen Zuständen: Kinder, Kranke und Alte.

Kinder in Not

Wichern bekam dieses Elend hautnah zu spüren, wenn er die Familien seiner Sonntagsschüler besuchte. Viele Kinder lebten unter erbärmlichen Zuständen, litten unter Hunger, Enge, unhygienischen Zuständen und fanden in ihren Familien auch keinen emotionalen Rückhalt, da ihre Eltern selbst verzweifelt waren und sich längst aufgegeben hatten. Für diese Kinder musste er etwas tun, das war Wichern klar.



Das Rauhe Haus wird Zufluchtsstätte

Bild: So sah das Gelände rund ums Rauhe Haus um 1850 aus. Im Lauf der Zeit kamen immer mehr Gebäude hinzu.

Vom Rechtsanwalt Karl Sieveking erhielt er ein Stück Land mit einem kleinen Bauernhaus in einem Dorf vor den Toren Hamburgs geschenkt. Das Häuschen trug den Namen Rauhes Haus. Dort zog Wichern mit seiner Mutter und seiner Schwester sowie einigen Jungen am 31. Oktober 1833 ein.



Familiengruppen im Rauhen Haus

Bild: Um den Kindern die Adventszeit zu verdeutlichen, erfand Wichern den Adventskranz.  Ursprünglich brannten darauf 24 Kerzen brannten, die Sonntage wurden durch die vier zusätzlichen großen Kerzen symbolisiert.

Immer mehr Kinder, die straffällig, obdachlos oder sozial gefährdet waren, werden aufgenommen. Wichern ist es wichtig, dass sie in familienähnlichen Gruppen aufwachsen, zusammen mit einem Erzieher oder einer Erzieherin, die sich um höchstens zwölf Kinder kümmert. Jede Familie erhält eine eigene Wohnung oder ein eigenes kleines Haus auf dem Gelände.

Für jedes Kind, das neu in die Gemeinschaft aufgenommen wird, gibt es ein großes Fest. Es soll seine Vergangenheit hinter sich lassen und in der neuen Familie in Geborgenheit aufwachsen können. Die Kinder erhalten Schulunterricht und eine Ausbildung in einer der angegliederten Werkstätten wie Schusterei, Schneiderei, Glaserei, Druckerei, Landwirtschaft und anderen. Wichern ging es darum, sie auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten.

100 Rettungshäuser dank Wichern

Wichern sah, dass nicht nur in Hamburg große Not herrschte, sondern dass in ganz Deutschland ähnliche Werke rettender Liebe wie er es nannte nötig waren. Beim ersten evangelischen Kirchentag im Jahr 1848 hielt er eine Rede, in deren Folge sich der Centralausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche gründete. In den Jahren bis 1855 entstanden in Deutschland über 100 Rettungshäuser, die sich am Vorbild des Rauhen Hauses orientierten.

Diakonie heute

Bis heute gibt es die Nachfolgeorganisation der Inneren Mission. Sie heißt seit 1975 Diakonisches Werk und betreibt derzeit rund 9000 Kindertageseinrichtungen, 370 Krankenhäuser, außerdem Frauenhäuser, Behinderteneinrichtungen, Pflegedienste, Beratungsstellen zum Beispiel für Süchtige, Arbeitslose, und Hilfen für Wohnungslose, Inhaftierte und vieles mehr.

Rechts: Jubiläumsposter des Rauhen Hauses.

Auch das Rauhe Haus existiert heute noch. Auf dem Gelände in Hamburg leben Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, Kinder, die vorübergehend oder auf Dauer nicht in ihrer Familie sein können und Senioren. Es gibt eine Schule, eine Berufsschule für Altenpflege und eine Hochschule für Soziale Arbeit.

Text: Liane Manseicher, 30.10.08; Fotos: Wichern: Rauhes Haus und Wichern: pd; Logo Diakonie und Logo Wichern-Jubiläum: www.diakonie.de; Jubiläumsposter Rauhes Haus: www.175rauheshaus.de; Adventskranz: Rauhes Haus.

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