Rechte Rattenfänger

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Rechte Rattenfänger

Vor 70 Jahren, am 1. Dezember 1936, wurde die Hitlerjugend per Gesetz zur alleinigen Jugendorganisation in Nazi-Deutschland. Ziel war es, besonders die Jungen auf den Dienst an der Waffe und den so genannten Heldentod fürs Vaterland vorzubereiten. Wie hinterlistig und geschickt die Nazis dabei vorgingen, erfahrt ihr hier ...

Nach dem ersten Weltkrieg sah es schlecht aus in Deutschland hohe Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und geringe Chancen auf Bildung trübten die Stimmung, insbesondere junger Menschen. Viele schlossen sich Jugendorganisationen an, um dort gemeinsame Fahrten zu unternehmen, zu singen und zu wandern.

Die Jugend ist der Schlüssel


Voller Begeisterung blasen diese Kinder ihre Fanfaren für die Hitlerjugend.

Den führenden Herrschaften der Nazi-Partei NSDAP war klar, dass es wichtig war, die Jugend für ihre Ziele zu gewinnen und zu begeistern. Zum einen brauchte man sie als junge, naive und begeisterte Träger der Idee, dass die Deutschen ein auserwähltes Volk seien. Zum anderen war es von Vorteil, die Jugendlichen zu kontrollieren: dadurch gab es auch immer ein Auge und Ohr in jeder Wohnung ein Kontrollinstrument der Eltern.

Totale Erziehung zum totalen Krieg

Der Anspruch der NSDAP war die totale Erziehung. Zuallererst ging es darum, die Kinder glauben und fühlen zu lassen, sie wären allen anderen Nationen, besonders denen anderer Hautfarbe, überlegen. Außerdem sollten besonders die männlichen Jugendlichen durch Sport gesund und wehrfähig gemacht werden. Und sie sollten lernen, Strapazen auszuhalten. Erst an letzter Stelle kam wissenschaftliche Bildung.

Rattenfänger nutzen Sehnsüchte aus


Zu den psychologischen Tricks der Nazis gehörte auch das Gefühl der Gemeinschaft. Durch solche Medaillen als Erinnerung an Zeltfahrten wurde dieses Gefühl gestärkt.

Kameradschaft, Gemeinschaftssinn, gemeinsame Unternehmungen, glasiert von dem edlen Gedanken, all dies als Teil des auserwählten deutschen Volkes zu tun. Das war das süße Gift, dass die Herzen und Köpfe der Kinder verpestete. Abenteuerlustigen Jungs gefiel natürlich die Idee, ein- oder mehrwöchige Zeltreisen zu unternehmen, am Lagerfeuer zu sitzen, tags zu klettern und im Wald zu toben und abends gemeinsam zu singen und unter freiem Himmel zu schlafen. Doch dieses Spiel war die Vorbereitung auf den tödlichen und brutalen Ernst des Krieges, der mit Verwundung und Tod in den Schützengräben endete.

Mit Gewalt in die Hitlerjugend

Um sich den Rückhalt der Jugend zu sichern, gründete man schon 1926 die so genannte Hitler-Jugend. Andere Organisationen wurden bedrängt, sich der Hitlerjugend anzuschließen. Taten sie dies nicht, wurden deren Mitglieder durch Gewalttaten, Prügeleien und ähnliche Terrorakte eingeschüchtert. Auch durch Verbote der Art, dass Beamtenkinder nicht in der katholischen Jugend sein durften, wurde die Mitgliederzahl anderer Organisationen beschnitten.

Bis 1936 blieb die Hitlerjugend relativ unbedeutend. Aber dann erließ Hitler am 1. Dezember 1936 folgendes Gesetz:

Von der Jugend hängt die Zukunft des deutschen Volkes ab. Die gesamte deutsche Jugend muss deshalb auf ihre zukünftigen Pflichten vorbereitet werden. Die Reichsregierung hat daher das Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird:

§ 1 Die gesamte deutsche Jugend ist in der Hitler-Jugend zusammengefasst.

§ 2 Die gesamte deutsche Jugend ist ausser im Elternhaus und der Schule in der Hitler-Jugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus im Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen. (...)

Ab diesem Datum war es Pflicht, in der Hitlerjugend Mitglied zu sein. Das konnte auch gegen den Willen der Eltern polizeilich durchgesetzt werden. Doch die meisten Kinder und Eltern brauchten keinen Zwang. Zu imposant waren die Inszenierungen der Nazis, die ihr Propagandahandwerk gut verstanden.

Jugendliche als Geburtstagsgeschenke für Adolf Hitler


Die Hitlerjugend war ähnlich wie das Militär in verschiedene Stufen gegliedert. Wer aufsteigen wollte, musste bestimmte Leistungen erbringen, die im "Leistungsbuch" verzeichnet wurden.

So wurden die Jugendlichen jedes Jahr am Abend des 19. April, dem Vortag des Führergeburtstages, feierlich in die Hitlerjugend aufgenommen. Dies wurde in einer Feierstunde mit Gelöbnis und anschließendem Fackelmarsch zelebriert. Die Donau-Bodensee-Zeitung berichtet: Am Vorabend des Geburtstags des Führers traten über eine Million Jungen und Mädel im ganzen Reiche an, um in die große Gemeinschaft der Hitler-Jugend aufgenommen zu werden. Auch in Ravensburg waren die Zehnjährigen mit leuchtenden Augen und strahlenden Herzens gekommen, um sich als Geburtstagsgeschenk dem Führer zu geben (...).

Landsberg am Lech die Stadt der Jugend

Eine wichtige Rolle dabei spielte Landsberg am Lech, die sich als Stadt der Jugend in Szene setzte. Dort war Hitler vor 1933 einige Jahre in Haft gesessen. Die Stadt richtete die Aufnahme in die Hitlerjugend für damalige Begriffe großartig aus: Hakenkreuzfahnen, Hitlerjugend-Banner und von Fackeln beleuchtete Höfe und Gassen. In der ehemaligen Zelle erhielten die frischgebackenen Hitlerjungen eine von Hitler in der Haft verfasste Hetzschrift.

Die Hitlerjugend als allgemeine Jugendorganisation teilte sich in verschiedene Altersstufen auf:

10 14-jährige Jungs waren die so genannten Pimpfe im Deutschen Jungvolk,

10 14-jährige Mädels waren im Jungmädelbund zusammengeschlossen,

Kampffähige männliche Jugendliche von 14-18 machten die eigentliche Hitlerjugend aus.

14 17-jährige Mädels waren im Bund Deutscher Mädel (BDM) zusammengeschlossen, und 17 21-jährige junge Frauen waren im BDM-Werk Glaube und Schönheit organisiert.

Das Ende der Hitlerjugend im Maschinengewehrfeuer

In einem Erlass aus dem Jahr 1943 heißt es: Die jungen Menschen sind stolz darauf, dass sie bereits in noch nicht wehrpflichtigem Alter für den Sieg Deutschlands im Rahmen der Wehrmacht aktiv eingesetzt werden. Diesen Stolz zu vertiefen, die Begeisterung für das Soldatische wach zu halten und zur Wehrfreudigkeit zu steigern, ist die Aufgabe aller Vorgesetzter und Soldaten (...) .

Das Pochen auf Vaterland und Heldentum veranlasste viele, sich freiwillig als Waffenhelfer zu melden, darunter den Literaturnobelpreisträger Günter Grass.

Nachdem sich aber das tausendjährige Großdeutsche Reich Adolf Hitlers 1944 dem Ende zuzuneigen begann, wurden in Berlin Kinder und Jugendliche als letztes Aufgebot den russischen Kanonen und Gewehren vorgeworfen. Kinder und Jugendliche, gerade mal zwölf Jahre alt, wurden als lebendige menschliche Wesen verachtet und als so genannter Volkssturm in den sicheren, qualvollen Tod geschickt.

Gegenkultur Swing-Jugend


Nach Aussagen von Zeitzeugen sollen besonders gehorsame Gaststättenbesitzer solche Schilder angebracht haben, um sich als besonders treue Nazis zu zeigen.

Einige Jugendliche weigerten sich, der Hitlerjugend beizutreten. Besonders in Berlin, Frankfurt und Hamburg gab es die so genannte Swingjugend. Jugendliche, die amerikanischen Swing hörten und sich nicht in die Hierachie der Hitlerjugend fügen wollten. Die meisten waren unpolitisch und wollten nur in Ruhe gelassen werden.

Bis zum August 1941. Im Rahmen einer Sofort-Aktion gegen die Swing-Jugend wurden mehrere hundert als Swing-Jugendliche bekannte verhaftet. Strafen reichten von Haareabschneiden bis zur Einlieferung in Konzentrationslager. Erst nach dieser Aktion engagierten sich viele gegen Hitler, in dem sie Flugblätter verteilten oder ähnliches. Der Film Swing Kids widmet sich dem Thema.

Andere Gruppen Jugendlicher, die Widerstand leisteten waren etwa die Edelweißpiraten, die Leipziger Meuten, und nicht zu letzt die Weiße Rose.

Text: -jj- 1.12.2006 // Bilder: Leistungsbuch: Roger Zenner/cc-by-sa; alle anderen PD

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